Nicole Grimm – 05.05.2026
„Manchmal muss man erst seine Grenzen überschreiten, um festzustellen, wie weit man tatsächlich kommen kann“
Mein wunderbares Pferd „Gandus“ brach sich 2005 beim Weltcup Finale in Malmö 2 Halswirbel, was wir tatsächlich erst Monate später feststellten. Danke dir Norbert Beer, dass du so ein gutes Auge und Gespür hast und damals beim bloßen Draufschauen sagtest „der ist aber nicht in Ordnung“!
Im Jahr darauf kamen zufällig Bekannte vorbei, und ich stellte ihnen Gandus vor. Bei der Feststellung, dass er nicht mehr im Vielseitigkeitssport gehen kann und der Nachfrage nach seinem damaligen Alter (15) bemerkten diese Leute „mein Gott, wenn du PECH hast, lebt der ja noch ewig“
Zum Glück hatten Gandus und ich „Pech“ und er lebte noch einmal fast 15 weitere Jahre und hatte einen – denke ich – ganz wunderbaren Lebensabend. Und jeder Tag mit ihm war ein unfassbares Geschenk für mich!
Einmal mehr war mir an diesem Tag bewusst geworden, wie häufig Menschen Tiere nicht zu schätzen wissen. Es geht fast immer nur um Leistung, Nutzen, Mittel zum Zweck.
Und wird dieses „Nutz“-Tier artgerecht gehalten? Entsprechend gefüttert, gepflegt, gewertschätzt?
Und was ist, wenn das Tier „aus-genutzt“ ist? Wenn es keinen „Mehrwert“ mehr hat? Wird es dann entwertet? Entsorgt? Ausgetauscht?
Besagen nicht schon die ethischen Grundsätze des Pferdefreundes unter anderem, dass der Mensch alle Pferde gleich zu achten hat, unabhängig von dessen Alter, Rasse, Geschlecht sowie Einsatz in Zucht, Freizeit oder Sport?
(Ich möchte vorweg betonen, dass sich alle Geschichten, die ich hier beschreibe, zugetragen haben, als weitestgehend noch andere Menschen in den jeweiligen Betrieben für die Pferde zuständig waren, als das zum jetzigen Zeitpunkt der Fall ist).
Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie mich „Philou“ (Schulpferd mit damals schon über 10 Dienstjahren), eines Tages mit großen, traurigen Augen aus dem Boxenfenster heraus anschaute. So gerne wäre er regelmäßig draußen auf der Weide. Am liebsten mit seinen Stallkollegen! Artgerecht! Wahrscheinlich hätte er gerne jemanden, der sich ausgiebig und regelmäßig um ihn kümmert und liebevoll putzt. Ihn so wertschätzt, wie er es verdient hätte.
Und wieder gibt es keine Gelegenheit? Keine Zeit? Keinen Platz? Keinen maßgeblichen Menschen, dem das Tierwohl genügend wichtig ist? Keine maßgebliche Person die hinschaut, wenn die großen Augen müde sind und nicht mehr strahlen!
Und wie wichtig ist es in der täglichen Schulpferde-Realität, dass der Takt und die Losgelassenheit die ersten beiden Punkte der Ausbildungsskala sind? Und wurde dem Reitschüler eigentlich schon einmal eindringlich erklärt, dass nicht DER so faul ist, DER wieder nicht am Zügel geht, DER heute so wiedersetzlich ist …! DER das hier übrigens gerade nicht freiwillig aber sehr demütig mitmacht …!
Wie oft pro Reiten wird daran gedacht, dass das Pferd den Reiter reflektiert? Oder pro Reitstunde? Wer schaut danach? Und wer erkennt es? Und wer denkt daran, dass Haltungsbedingungen, Gesundheitszustand und viele andere Faktoren die Möglichkeiten eines Pferdes unter dem Reiter ebenfalls sehr stark beeinflussen?
Und wer denkt noch weiter?
Was ist, wenn DER lahm genug geht, dass er nun doch endlich weg muss? Haben sich tatsächlich schon Lehrgangsteilnehmer aufgeregt, dass DER so schlecht aussieht? Wohin bringen wir DEN denn?
An diesem Tag habe ich „Philou“ versprochen: ich passe auf dich auf! Und hole dich hier raus. Vielleicht nicht gleich, aber ich schaffe das! Denn du hast es – wie auch ALLE anderen (Schul-)Pferde verdient, einen wunderschönen Lebensabend zu haben und ihn auch noch genießen zu können!
Bis Philou in seine wohlverdiente Rente gehen durfte, hat es noch eine ganze Weile gedauert, doch einige andere durften glücklicherweise früher gehen.
Manchmal habe ich in all diesen Jahren die Selbstgefälligkeit und Ignoranz der zum jeweiligen Zeitpunkt verantwortlichen Ausbilder oder anderer Verantwortlicher kaum noch ertragen.
Denn auch die Geschichte von der kleinen, zarten Fuchsstute „Bonita“, die ich 23jährig kennenlernen durfte, gehört zu der Idee, diesen Verein zu gründen, dazu.
Eines Tages sagt mir eine Reitschülerin, dass Bonita wohl ein angelaufenes Bein habe. Wir kontrollierten es gemeinsam, ich ließ das Pferd im Schritt bewegen, doch beim Antraben stellte ich nach wenigen Metern fest, dass das Pferd „stocklahm“ war.
An diesem Tag beendeten wir den Reitunterricht der Berufsschüler etwas früher und ich zeigte den Schülern am Schluss das Anlegen eines Anguss-Verbandes (für Laien – das hat nichts mit Rindern zu tun.)
Mit der Auszubildenden des Betriebes sprach ich ab, dass dieser Verband angegossen wird und auf jeden Fall am Pferdebein bleibt, bis ich am übernächsten Tag zum Berufsschulunterricht wiederkomme. Ein maßgeblich Verantwortlicher war an diesem Tag nicht zugegen.
Am übernächsten Tag war der Verband ab und das Röhrbein des Pferdes mehr als doppelt so dick und sehr heiß.
Auf mein Nachfragen wurde mir erklärt, dass „ein Verantwortlicher“ dem Pferd bescheinigt hatte, dass es reitbar ist, und dass es am Vortag auch von ZWEI!!!!! Reitern hintereinander geritten wurde.
„Und das hat sich nicht komisch angefühlt“? „DOCH, aber wir sollten weiterreiten“
Danke an die Berufsschüler vor Ort, die damals schon angefangen hatten, zu hinterfragen, warum so etwas in Schulbetrieben passiert!
Bonita hatte übrigens einen Fesselträgerschaden.
Als ich in Norddeutschland in einem anderen Schulbetrieb „Lalü“ kennenlernen durfte, war mein Plan der Vereinsgründung längst gefasst. Doch einmal mehr bestätigte sich hier, dass (Schul-)Pferde häufig einfach nur Mittel zum Zweck sind.
Wenn man dieser Stute in die Augen schaute, hatte man den Eindruck, sie war innerlich längst gestorben.
Sehr brav und entsprechend „praktisch“ war sie – anscheinend über Jahre hinweg. Apathisch hätte es wohl besser beschrieben!
Und im Übrigen voller Schmerzen, ich hätte auf Anhieb nicht sagen können, wo es ihr am meisten weh tat.
Auf mein Rückfragen bei den Azubis drittes Lehrjahr, wie lange das Pferd schon so läuft, kam ein „so lange wir hier sind auf jeden Fall! Früher war sie auch mal beim Springen wiedersetzlich, aber dann hat (…) sie mal ordentlich verdroschen, danach war sie „BRAV“.
Freundlicherweise durfte ich den Cheftierarzt einer versierten Tierklinik hinzuziehen und nach einer eingehenden Untersuchung, der ich persönlich beiwohnte (Azubi Frage: „wieso interessiert sie das“), stand fest, dass das Pferd als Reitpferd, geschweige denn als Schulpferd nicht mehr in Frage kommt. Bei meiner Rückkehr aus der Klinik war die allererste Frage der Azubis drittes Lehrjahr „wie – und heute Abend auch nicht?“ Von verantwortlicher Stelle wurde gefragt: „Bringen Sie das Pferd zum Schlachter, oder soll jemand anderes das tun?“
Schulpferde kommen und gehen. Sie machen – meist über Jahre hinweg – viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene jeden Tag auf’s neue glücklich. Sie lassen sich streicheln, trösten, sind warm und kuschelig. Tragen ihre Reiter mit großer Demut über Hindernisse, ermöglichen ihnen herrliche Ausritte, Reitabzeichen- oder Trainerprüfungen. Und auf einmal sind sie weg – einfach so! Aber wohin eigentlich? Haben sie einen schönen Altersruhesitz mit großen Weiden, sind sie willkürlich an irgendeinen Händler abgegeben und dort weiterverschachert worden, oder vielleicht direkt zum Schlachter gefahren worden?! Mir ist es ein großes Anliegen, dafür zu sorgen, dass diese Pferde nicht jahrelang unbeachtet, unter Schmerzen rumhumpelnd in irgendwelchen Schulbetrieben weiterlaufen, sondern dass auf sie Acht gegeben wird, und sie einen schönen Lebensabend verbringen können, so wie sie es verdient haben!
Ich bedanke mich bei allen, die mich in meiner Idee begleitet haben und auch weiter begleiten. Insbesondere natürlich bei unseren Gründungsmitgliedern – ohne Euch wäre dieser Verein schließlich nie zustande gekommen!
Und ich freue mich auf viele Gleichgesinnte, die meine und unsere Gedanken unterstützen. Zum Glück gibt es immer noch ganz viele wunderbare Pferdemenschen unter uns!


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